09.10.2017

Kenne deinen Einfluss

„Kenne deinen Einfluss“ – Hattie-Übersetzer und Schulpädagoge Prof. Dr. Zierer am Rottmayr-Gymnasium Laufen


Prof. Dr. Zierer

„Kenne deinen Einfluss“, so lautet nicht nur der Titel des Buches, das Prof. Dr. Klaus Zierer zusammen mit John Hattie verfasst hat, sondern so lautet auch die Kernbotschaft, die der Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg den Lehrern des Berchtesgadener und des Rottmayr-Gymnasiums Laufen in einer gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung am Laufener Gymnasium mitgeben wollte.

Die beiden Schulleiter, Dr. Alfred Kotter und Andreas Schöberl, hatten den Schulpädagogen, der in den letzten Jahren vor allem aufgrund seiner Hattie-Übersetzungen einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hatte, am 5.10.2017 nach Laufen eingeladen.

Dort stellte er den Lehrern zunächst Grundlagen der Hattie-Studie vor, um sodann mit einigen Mythen zu brechen und schlussendlich die zehn entscheidenden Haltungen einer erfolgreichen Lehrperson vorzustellen und mit wichtigen Einflussfaktoren aus der Hattie-Studie zu untermauern.

Der neuseeländische Forscher John Hattie hat in seinem Buch „Visible Learning“ (Lernen sichtbar machen) über 800 Metastudien (derzeit liegt das Hattie’sche Untersuchungskorpus bereits bei 1400 Metastudien) untersucht und versucht, auf Kernbotschaften zuzuspitzen. Dabei hat er 150 Faktoren generiert und die entsprechende Effektstärke, d.h. wie wirksam der jeweilige Faktor (z.B. Lautes Denken, Klassengröße) ist, ermittelt. Ein Ergebnis dabei war, dass fast alle pädagogischen Interventionen wirken; oder wie es Zierer zugespitzt formuliert: „Lernen lässt sich nicht verhindern“. Vor diesem Hintergrund plädieren Zierer und Hattie dafür, nicht nur danach zu fragen, ob die Effektstärke positiv oder negativ ist. Vielmehr verortet Hattie den Nullpunkt bei einer Effektstärke von 0,4. Dieser Wert stellt den Durchschnitt aller erhobenen Effektstärken dar. Auf die Faktoren, die eine höhere Effektstärke als 0,4 aufweisen, gilt es sich – nach Hattie und Zierer – zu konzentrieren. Einfach formuliert heißt dies, besser als der Durchschnitt zu sein.

In einem nächsten Schritt räumte Zierer mit einigen Mythen auf und sensibilisierte die Lehrerschaft dafür, nicht in die Falle eines „Fast-Food-Hatties“ zu tappen. Veranschaulicht wurde dies u.a. an dem Beispiel des Faktors Klassengröße. Dieser weist in den Metastudien lediglich einen Faktor von 0,21 auf. Das könnte schnell zu dem Schluss führen, dass es gleichgültig sei, ob man 20 oder 35 Schüler unterrichte. Die geringe Effektstärke liege aber in den Untersuchungen daran, dass Lehrer in kleineren Klassen ihren Unterrichtsstil nicht änderten. Sie nutzten beispielsweise das Potenzial der kleinen Unterrichtsgruppen nicht, um den Schülern qualitativ wertvolles Feedback auf den Ebenen des Prozesses beziehungsweise der Selbstregulation zu geben. Es ging den Lehrern in den untersuchten Stunden beispielsweise nicht darum, zusammen mit ihren Schülern zu erläutern, wie der Lernprozess bis zur Schulaufgabe gelaufen ist und vor allem welche nächsten Schritte der Schüler bis zur kommenden Schulaufgabe unternehmen soll, um einen besseren Lernerfolg zu haben. Wenn jedoch die Haltung des Lehrers „Ich gebe und fordere Rückmeldung“ kombiniert wird mit kleinen Klassengruppen, dann wird der Lernerfolg sicherlich bedeutend höher sein. Hierfür ist es jedoch auch notwendig, zukünftigen Lehrern und bereits berufstätigen Lehrern die nötigen Kompetenzen in Fortbildungen zu vermitteln.

Die Haltungen des Lehrers sind somit eine sehr wichtige Einflussgröße in Bezug auf den Lernerfolg der Schüler. Deshalb stellt Zierer auch den erfolgreichen Experten-Lehrer in das Zentrum seiner Überlegungen. Generell führt Zierer aus: „Wichtiger als das, was wir machen, ist, wie und warum man es macht“. Auf die Haltungen der Lehrpersonen kommt es somit vor allem an. Hierbei werden zehn Haltungen herausgestellt, die den Unterschied zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen Lehrpersonen machen. Es handelt sich dabei um „Rede über Lernen, nicht über Lehren“, „Setze die Herausforderung“, „Betrachte Lernen als harte Arbeit“, „Entwickle positive Beziehungen“, „Verwende Dialog statt Monolog“, „Informiere alle über die Sprache der Bildung“, „Sieh dich als Veränderungsagent“, „Gib und fordere Rückmeldung“, „Erachte Schülerleistungen als eine Rückmeldung für dich über dich“, „Kooperiere mit anderen Lehrpersonen“.

Diese Haltungen unterlegte Prof. Zierer in seinem Vortrag dann mit den passenden Faktoren aus der Hattie-Studie. So sind beispielsweise bei der Haltung „Setze die Herausforderung“ die Faktoren Klarheit der Lehrpersonen und Ziele von Bedeutung. Der Lehrer sollte genau das Vorwissen und Erkenntnisstufen der Schüler kennen, um den Schülern die passenden und vor allem herausfordernden Aufgaben zu geben. Dabei ist es entscheidend, den Schüler nicht zu unter-, aber auch nicht zu überfordern. Im Idealzustand geht es darum die Schüler so zu fordern, dass sie bei der Bewältigung der Aufgaben in einen Flow kommen. Darüber hinaus spielt der Faktor Bewusstes Üben, der eine Effektstärke von 0,71 aufweist, bei der Haltung „Ich sehe Lernen als harte Arbeit“ eine wichtige Rolle. Die Übungen sollten dabei allerdings nicht dem Prinzip „drilling and killing“ folgen, sondern im Gegenteil vielfältig, herausfordernd und vor allem regelmäßig sein. Hierbei ist es das Ziel, im Klassenzimmer, im Lehrerzimmer und auch in der Schulleitung eine positive Fehlerkultur zu entwickeln. Anders ausgedrückt heißt dies, Fehler willkommen zu heißen, denn vor allem aus Fehlern kann man sinnvoll wie auch erfolgreich lernen.

Aus all den Ausführungen Zierers wurde deutlich, dass es neben der hohen Bedeutung des Elternhauses auch sehr stark auf die kompetente Lehrperson ankommt, um erfolgreiches Lernen zu ermöglichen. Diese Kompetenz besteht aber nicht nur in einer hohen Fachkompetenz, sondern es braucht das Zusammenwirken einer hohen fachlichen mit einer hohen didaktischen und einer hohen pädagogischen Kompetenz.

Am Ende seines Vortrages appellierte Prof. Zierer an die versammelten Lehrer, an den (eigenen) Haltungen zu arbeiten, alte und nicht-effektive Praktiken zu verwerfen, Kapazitäten zu schaffen und neue und effektive Praktiken umzusetzen. Es geht vor allem darum, Fehler als Chancen zu begreifen und Veränderung zu wagen.

Zum Schluss waren sich alle Fortbildungsteilnehmer einig, dass die Ausführungen Prof. Zierers wichtige Impulse für die tagtägliche Arbeit als Lehrer gesetzt haben.

Maurice Flatscher, StD


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